Lernen am Vorbild erfolgreicher Frauen
Bericht vom
AbsolventInnentag 2001 der Johannes Kepler Universität Linz

Rektor Rudolf Ardelt bedauerte in seiner Begrüßungsrede als Gastgeber, dass zu einem so wichtigen Thema sich nicht mehr Männer als die 2 oder 3 Anwesenden interessierten und entschuldigte sein eigenes Forteilen nach der Rede mit dem Hinweis, er müsse trotz größtem Interesse für das Thema und den AbsolventInnentag leider, leider in sein Büro zurück, denn da warte ein Bürgermeister auf ihn, den man schließlich nicht wegen einer interessanten Veranstaltung warten lasse könne ....

Wie schade, denn der Rektor hätte als früherer Beauftragter für Chancengleichheit auf seiner Uni sicherlich einiges Interessantes in den Diskussionsrunden zu erzählen gehabt.

Die Tagung bot dennoch ausgezeichnete ExpertInnen, viele unterschiedliche Facetten des Mentoring und zahlreiche Beispiele wurden sichtbar:

Durch NÖs Frauenreferentin Ingrid Grün und ihre Mentee Karin Geyerhofer kamen wertvolle Erfahrungen aus dem Regionalen Mentoring Programm des Landes Niederösterreich

Das Mentoring Programm der Universität Wien wurde durch Herta Nöbauer und Waltraud Schlögl vorgestellt

Wilfried Weiß schilderte als Beauftragter für Gleichbehandlung die Mentoring Initiativen der Lufthansa in Deutschland

Kerstin Witt-Löw berichtete über die Erfolge des Mentoring Programms im österreichischen Sozialministerium

Mentoring Programm der Creditanstalten in Österreich

Selbst konnte ich (Christiana Weidel) über das virtuelle MentoringCenter und europäische Initiativen einiges berichten wie etwa über das dreistufige Konzept von Mellow, für Frauen und Mädchen in technischen Berufen, das Karrierefrühstück der Mentoring Plattform Tirol oder das erfolgreiche Mentoring Programm der Kärntner Frauenbeauftragten Helga Grafschafter.

Karriere Karriere

Ingrid Kösten, Pionierin der Frauenkarriere-Beratung und Gründerin der „Women Success" widmete sich in einem Vortrag und später in einer Arbeitsgruppe ausführlich dem Thema Karriere und motivierte offensichtlich außerordentlich, denn es wurde gleich ein Netzwerk unter den 40 Teilnehmerinnen der Arbeitsgruppe gegründet, Thema: Karriereplanung.

Anschaulich erzählte Kösten über ihren eigenen Aufstieg, und gab wertvolle Tipps für eine Karriere weiter. Hier einige der Ratschläge, wie sie die Schlußrunde im Plenum erreichten :

1. Sie arbeiten in einem Unternehmen? Dann profilieren Sie sich: entwickeln Sie eine Rolle als Expertin für einen gewissen Bereich, nehmen Sie nicht alles an, denn „alles anzunehmen heißt sich zu de-profilieren!"

2. Beachten Sie die „Spielregeln", finden Sie die informellen Informationskanäle heraus: wer geht mit wem mittags essen, abends auf ein Bier? Wer arbeitet mit wem in einem Projekt? „Das muß sich nicht decken mit dem Organigramm des Unternehmens!" Das spontane Lachen aus dem Publikum bestätigte, dass Frauen normalerweise an so etwas nicht denken und es tat sichtlich v.a. den StudentInnen gut, so knapp und präzise kleine Hinweise auf die kommende Berufswelt zu bekommen.

3. Achten Sie auf Rituale. Sie helfen, herauszufinden, wann es besser ist sich zurückzuhalten, wann vorwärts zu gehen? „Lernen Sie die Regeln, erst dann können Sie diese brechen!", die alte Weisheit kam über Köstens Enthusiasmus gut an, nicht nur bei den StudentInnen.

4. Sie gründen gerade ihre eigene Existenz? Machen Sie sich auf eine Durststrecke gefaßt, wo niemand Ihnen hilft und Sie dennoch durch müssen. Holen Sie sich eine Mentorin in dieser Zeit der Einsamkeit, arbeiten Sie mit Visionen und Zielen. „Spüren Sie die Schubkraft, die dahinter liegt!" (Noch im Nachhinein spüre ich selber die Faszination der Motivation, die diese Aufforderung auslöste.)

Durch MentorInnen „entdeckt"

„Politische Karrieren sind ohne Mentoring nicht denkbar", eröffnete Kerstin Witt-Löw die Arbeitsgruppe „Mentoring in der Politik". „Man wird ‚entdeckt' und gefördert durch MentorInnen, auch wenn der Begriff manchmal gar nicht fällt. Dennoch erspart das Entdeckt-Werden den jungen Nachwuchskräften nicht die Aktivitäten, Bemühungen und Einsatz:

Der erste Schritt, ist herauszufinden: was will ich? Will ich in die Politik? Wer könnte mir dabei jetzt helfen?

Wie gehe ich strategisch vor, MentorInnen für mich zu gewinnen?

Die Persönlichkeiten müssen wirklich gut übereinstimmen, das ist in der Politik noch wichtiger als beim Mentoring in der Wirtschaft, meint Witt-Löw, denn es geht um Ideologien und Wertvorstellungen, die hier angesprochen werden.

„Loyalität und Vertrauen" zählen zu wichtigen Faktoren. „Gekränkte Väter und Mütter" gibt es immer wieder, wo die Schützlinge sich anders weiterentwickeln als die MentorInnen das vorgesehen hatten.

Politik = Partei?

Politisch tätig sein zu wollen bedeutet in Österreich leider fast immer, einer politischen Partei beizutreten. Denn obwohl auch im parteien-unabhängigen Engagement politische Betätigung möglich ist etwa in BürgerInnen-Initiativen, im Umweltbereich oder in der Volks- und Erwachsenenbildung so wird richtige Karriere dann im Umstieg in die Parteien gemacht.

Ein anderes und breiteres Politikverständnis würde zwar die Perspektiven erweitern und Karriere auf vielen Ebenen erlauben, aber Österreich hinkt, was das politische Verständnis betrifft, wohl anderen Ländern in dieser Hinsicht nach.

„Unabhängigkeit bedeutet hier, keinen Informationsfluß mehr zu haben", wundert sich eine Teilnehmerin der Arbeitsgruppe, die als Amerikanerin schon lange in Österreich lebt. Sie wundert sich auch darüber, dass Mentoring, „ein altes Konzept aus den 70er Jahren" in Österreich und Deutschland plötzlich so boomt.

„In gewisser Weise ist Mentoring eine Fortsetzung der Frauenbewegung der 70er Jahre", stimmt Witt-Löw ihr zu. „Mentorinnen sind oft euphorischer als die Mentees, sie wollen weibliches Erfahrungswissen weitergeben". Die Förderung von Frauen untereinander habe sich verändert, sie wurde durch die Mentoring Programme formeller, strukturierter. Das bringt enorm viel, weil Verhältnisse und Beziehungen versachlicht werden, aus dem Emotionalen herauskommen und damit Konkurrenz, Kränkung und Neid weniger oft destruktiv wird.

Programme oder informelles Mentoring?

Programme sind sehr nützlich, weil sie Ziele und Zielgruppen direkt benennen, bewußter vorgehen und Frauen eine Möglichkeit bieten, die das informelle Mentoring nicht hat: es ist kein über-den-Schatten-Springen notwendig, wer das informelle Ratsuchen nicht schafft, kann im Mentoring Programm geführt und geleitet werden.

Auch werden die Aufgaben konkret benannt, die eine Mentorin zu erfüllen hat, das entlastet und erlaubt eine Abgrenzung, die ansonsten oft für Frauen nicht möglich ist.

Mentoring Programme im politischen Bereich hätten sowohl systemerhaltende als subversive. So sei Mentoring wohl ein nützliches und wichtiges Instrument der individuellen Weiterentwicklung, es verändere aber keine Strukturen, auch wenn einige das immer noch glauben.

Ich muß zugeben, einst habe ich das auch gehofft, heute weiß ich aus eigener Erfahrung, dass dem nicht so ist. Mentoring Programme können viel verändern. Sie können individuell Entwicklung initiieren und weitreichende Auswirkungen haben, aber eingefahrene Strukturen verändern, das geschieht nicht durch ein Mentoring Programm, sondern nur durch Gesetze, Quoten und Regeln, das ist meine Meinung heute.

Wo Mentoring nun vermehrt eingesetzt wird, sind auch nicht jene Bereiche, wo Männer freiwillig die Stühle räumen, sondern dort, wo Frauen ohnehin schon einen relativ guten Anteil (im Vergleich zu anderen Bereichen) haben &endash; so etwa im Sozialministerium, wo mehr Abteilungsleiterinnen sind als in einem anderen Ministerium.

Aber die Vorbildwirkung zählt dennoch sehr hoch, denn nun können auch in anderen Ministerien solche Programme beginnen, es gibt Erfahrungswerte, Berichte und den Druck, es anderen nachzumachen, denn der Erfolg ist da und Erfolg tut gut.

Mentoring ist also ein positives Modell der Frauenförderung und birgt viele Chancen zur individuellen Stärkung von Frauen, das wurde am AbsolventInnentag recht deutlich. Und die Motivation stieg von Stunde zu Stunde, auch das war spürbar geworden.

„Das hat mir viel gebracht", erklärte eine Teilnehmerin, die extra aus Innsbruck angereist war. Sie will Mentoring Programme im Zusammenhang mit dem Thema Organsiationsentwicklung untersuchen, „jetzt weiß ich genau, wohin ich schauen kann!"

Und einen andere Studentin, die noch am Anfang ihrer beruflichen Orientierung steht und im Gesprächskreis noch keine Angabe für eine ideale Mentorin machen konnte, fand durch das Ansprechen ihrer derzeitigen schwierige Situation als Auslandsösterreicherin mit Sprach-Verständnisproblemen anschließend sogar überraschend eine passende Mentorin: „Ich arbeite beim Berlitz Sprachinstitut, unterrichte auch Deutsch, und bin gerade beim Fertigwerden mit meinem Soziologie-Studium, ich bin sicher, dass ich ihr helfen kann!", erklärte sich spontan eine Absolventin des Politiklehrgangs OÖ zur Übernahme einer Mentorschaft für die Studentin bereit.

Es geht also weiter, viele neue Ideen wurden gesponnen, Kooperationen angedacht und die Heimfahrt mit dem Zug nach Wien brachte abschließend noch die Idee einer Reflexionsrunde, die demnächst alle bestehenden Mentoring Projekte in Österreich zum gemeinsamen Überdenken einladen wird.

Kennen oder planen Sie ebenfalls ein Mentoring Projekt? Dann schreiben Sie uns! Mentoring@ceiberweiber.at

chw